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Tochineal / Tochieneal 

Tochineal / Tochieneal
ca. 1822 - 1871

Während der Recherche zu Dailuaine stieß ich auf den Namen Alexander Wilson, Inhaber der Tochineal Distillery. Den Namen hab ich vor Ewigkeiten im Zusammenhang mit Inchgower gehört und tatsächlich war Tochineal die Vorgängerbrennerei von Inchgower, weshalb sie viele als Lost Distillery gar nicht kennen. Klar, viele Brennereien wurden „modernisiert und erweitert“ und eigentlich, beispielsweise Cool Ila, vollständig abgerissen und durch einen Neubau unter Fortführung des Namens ersetzt. Bei Tochineal und Inchgower änderten sich aber nicht nur das Gebäude und der Name, sondern auch der Ort.

Die Quellen sprechen von einer Gründung zwischen 1822 und 1825. Entstanden ist die Tochieneal nahe dem gleichnamigen Anwesen, dem Tochieneal Cottage in Lintmill, südlich von Cullen. Mal finde ich die Brennerei als Tochineal, mal als Tochieneal.

Gründer war entweder Alexander Wilson oder sein Neffe John Wilson, der häufiger genannt wird. Ich vermute jedoch ersteren. Alexander war „Factor“ für das Cullen Estate und dem Earl of Seafield unterstellt, Factor im Sinne eines Gutsverwalters. Der Earl of Seafield war der Eigentümer der Ländereien. Briefwechsel und Pachtverträge sind in den Seafied-Archiven erhalten, aber nicht alle digital einsehbar. Im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit wurde vermutet, dass John bzw. die Familie Wilson schon ab 1820 eine Brennerei errichtete, was ich so wiederum nicht mit Quellen belegen kann.

John Wilson, Neffe von Alexander Wilson, übernahm die Tätigkeit als Factor und auch als Pächter von Tochieneal im Jahr 1827, so findet es sich gesichert in den archivierten Seafield-Papieren. Johns jüngerer Bruder hieß wiederum auch Alexander Wilson, der wiederum die Brennerei als geschäftsführender Teilhaber übernahm.

Im Jahr 1840 führte John Wilson Pachtverhandlungen mit John Fraser, dem „Cashier“ des Earl of Seafield. Normalerweise bestanden damals feste 19-jährige Pachten, in seltenen Fällen gab es Ausnahmen. Aus dem Pachtbrief erfahren wir folgende Informationen: Die Gesamtbelastung belief sich auf jährlich £259 15s 9d, ein Gutachter hingegen bewertete die Ländereien deutlich niedriger ein. John argumentierte daher, Tochieneal sei überpachtet. Nur auf 60 Acres könnten Rüben angebaut werden, große Teile seien schwerer Tonboden. Nur durch die Brennerei wäre der Betrieb überhaupt wirtschaftlich. Durch die hohen Risiken kam dann ein Pachtvertrag zustande, der ein fexibles Ende nach 7 oder 12 Jahren vorsah.

Im Jahr 1841 beginnt John die Grundlage für die Ziegelei zu legen, was schon wegen des Tonbodens naheliegend erscheint. Alexander wurde auf Studienreise geschickt um sich sich Drainagesysteme in Stirlingshire und Südschottland anzuschauen. Anschließend erwarb John einen Drainagepflug für die schweren und nassen Felder. In den Folgejahren begann man mit der Herstellung von Drainagerohren und Ziegeln.

Es gibt zudem Hinweise darauf, dass die Brennerei ihre Abfälle im Jahr 1845 von Professor Johnston, Agricultural Chemistry Association, Edinburgh, untersuchen ließ. Ich vermute hier geht es um die Verwendung der Abfälle als Dünger in der Landwirtschaft.

1851 führt John abermals Pachtverhandlungen, welche im Mai 1852 für dann genau 19 Jahre verlängert wird. Am 30. September 1852 stirbt John Wilson, sein Bruder Alexander übernimmt seine Ämter bereits 5 Tage später.

Für den späteren Ausgang ist ein weiterer Todesfall entscheidend, denn am 30. Juli 1853 verstirbt Francis William Ogilvy-Grant, der. 6. Earl of Seafield. Sein Sohn John Charles Ogilvy-Grant erbte Titel und Besitz. Und er entbindet keine drei Monate später Alexander von seinen Aufgaben als Factor. Da ich ansonsten auch eine ganze Menge anderer personeller Wechsel unter dem neuen Earl finde, sieht das für mich nach einer Verwaltungsstrukturreform aus. Allerdings tritt ein weiterer Bruder von Alexander, Robert Wilson, freiwillig von seinem Amt als Factor in Portsoy zurück. Angeblich soll dann eine beträchtliche Feindseligkeit zwischen Alexander Wilson und dem Earl sowie dessen Verwaltern entstanden sein.

Zwischen den ganzen Pacht- und Eigentumsverhältnissen aber erst einmal zur Brennerei:

Am 19. Januar 1861 verstarb Alexander Stuart, der über 20 Jahre lang als Fuhrmann bei Tochineal arbeitete. Er belud am 11. Januar in Portsoy seinen Wagen mit leeren Fässern und verletzte sich dabei leicht an seinem kleinen Finger. Er dachte sich nichts dabei und fuhr am nächsten Morgen nach Portessie und am Montag dann nach Portgordon. Auf dem Heimweg jedoch begann sein Finger sehr zu schmerzen, und aller sich an den Arzt wandte, stellte sich heraus, dass eine Entzündung eingesetzt hatte, „die seinen Arm hinauf zog und sich in seinem Kopf festsetzt.“

Den vollständigsten Bericht, möglichst nah am Gründungsdatum, finde ich in der Ausgabe des Banffshire Journal vom 16. Januar 1866. Demnach liegt die Whiskybrennerei noch an ihrem ursprünglichen Ort, direkt an einem Bach. Erbaut wurde sie dem Bericht vor ungefähr vierzig Jahren und wurde seitdem stark vergrößert. Die Maschinen werden durch Wasserkraft angetrieben und zur Einsparung von Arbeitskräften gibt es eine schwenkbare Brücke zwischen zwei Gebäuden, mittels derer das Getreide aus dem einen Gebäude über eine Straße hinweg in das andere Gebäude transportiert wird. Auch die Transportwege des Getreides bis zur Brennblase ist sind überwiegend mechanisiert. Es gibt fünf Washbacks und zwei Brennblasen. Die Wash Still fasst 1.431 Gallonen und die Spirit Still 853 Gallonen. Die Jahresproduktion liegt bei 40. bis 50.000 Gallonen Whisky.
Laut dem Distillery Manager Mr. Lawrenze läuft die Brennerei wie ein Uhrwerk, war dem Erfindungsgeist des Eigentümers Mr. Wilson und seinen Plänen zu verdanken ist. Auch die Brennereiabfälle werden mittels einer eigens anfertigten Pumpe zu den Viehställen des landwirtschaftlichen Betriebs transportiert.

In dem Bericht wird zudem erwähnt, dass die Brennerei zu jenen gehörte, die nach dem Exercise Act 1823 legal entstand, was nicht heißt, dass an der Stelle oder der Gründer nicht vorher schon illegal Whisky produzierten.

An dieser Stelle frische ich den langen Text mit etwas Grafik auf. Hier sehen wir Brennerei und Anwesen im Jahr 1866.

1866


Die Pachtverhandlungen Anfang 1870 kamen zu keinem Ergebnis, weshalb die Wilsons sich im Laufe des Jahres zur Errichtung einer neuen Brennerei entschieden. Namentlich: Alexander Wilson, sowie die beiden Söhne seines 1852 verstorbenen Bruders: John und James Wilson.

Am 22. Juni 1870 erscheint eine Anzeige im The Scotsman, demnach könne man die wohl bekannte Brennerei Tochineal zusammen mit Farm und Residenz für die kommenden 19 Jahre pachten, dazu gehört ebenso eine Ziegelei. Gesucht wurde zum 15. Mai 1871.

Moderne Quellen schreiben von einer Verdopplung der Pacht und unzureichenden Zugang zu Wasser, weshalb die Wilsons die Betriebe nicht mehr fortführen wollten. Für beides konnte ich keine Belege finden. Meine Einschätzung ist daher eher die zerrüttete Beziehung zum Landbesitzer, verletzter Stolz und zudem der Wunsch nach einer Vergrößerung der Whiskyproduktion.

Okay, dann hätte Tochineal ja vom zukünftigen Pächter weiterbetrieben werden können....

Der neue Pächter wurde Mr. Forbes of Haddo, der jedoch, laut einem Zeitungsbericht vom 7. Oktober 1870 eine starke Abneigung gegen Whisky hat und daher die Brennerei abreißen wird. Auch erfährt man, dass Mr. Wilson eine neue Brennerei in Buckie errichtet und den Großteil des bisher betriebenen Geschäfts mitnimmt. Leider kam es dann auch tatsächlich zur Demontage, am 10. April 1871 werden Dächer, Holzkonstruktionen und Steine der Gebäude zum Kauf angeboten. Zumindest ein Lagerhaus blieb erhalten, welches 1883 in ein Silo der Farm umgebaut wurde.
Überliefert ist heute gerne, dass die Wilsons alles ausbauten und die Geräte die Grundlage für die neue Brennerei schufen. Sie hatten das Recht alles zu entfernen und mitzunehmen, jedoch entstand mit Inchgower eine komplett neue Brennerei. Alfred Barnard schreibt 15 Jahre später über Inchgower und beschreibt die "alten Brennblasen" - vielleicht imitierten sie Form und Stil der Tochieneal Stills, waren aber mehr als doppelt so groß. Ein Relikt aus Tochieneal fand sich dann aber doch noch bei Inchgower wieder: Eine Standuhr.

Ansonsten dokumentiertere Historiker John R. Hume im Jahr 1975 den Ort der Brennerei, seiner Meinung nach gehörte dieser Komplex hier zur Brennei. 

Copyright: HES (Papers of Professor John R Hume, economic and industrial historian, Glasgow, Scotland)


Wer den Ort heute aufsuchen möchte, orientiert sich gerne an diesem Link, die von Hume fotografierten Gebäude stehen noch: https://maps.app.goo.gl/zhFtmjev5HQikqwbA 

Nachtrag: 

Vielleicht lässt sich das Gründungsdatum doch noch präzisieren. Bei meiner Arbeit zu Inchgower fand ich einen langen Nachruf zum späteren Alexander Wilson, dort wird die Brennerei sehr genau auf bereits 1821 datiert. Vorstellbar ist, dass während der Pachtzeiten sowie im Rahmen der Tätigkeit als offizieller "Factor" der Ländereien es vielleicht schwierig war, eine vormals illegale Brennerei zuzugeben.

Banffshire Journal, 2. Mai 1882
"DER VERSTORBENE ALEX. WILSON, INCHGOWER
Viele, die mit Banffshire verbunden sind, werden mit Bedauern in unserer heutigen Todesanzeige den Namen von Herrn Alex. Wilson, Inchgower, sehen.

Herr Wilson erfreute sich einer ausgezeichneten Gesundheit, doch war bekannt, dass in letzter Zeit eine Neigung zu einem Herzleiden bestand. Noch am Samstag vor einer Woche hatte er an der Beerdigung des verstorbenen Herrn Gordon von Cairnfield teilgenommen, und am Montag und Dienstag der vergangenen Woche war er zum Angeln unterwegs gewesen, einer Freizeitbeschäftigung, der er leidenschaftlich zugetan war.

Am Dienstagabend begab er sich zur gewohnten Stunde zur Ruhe, doch am Mittwochmorgen wurde festgestellt, dass das Leben während der Nacht von ihm gewichen war. Der Leichnam wurde in einer entspannten Haltung aufgefunden, und es war offensichtlich, dass es keine Schmerzen oder Leiden gegeben hatte. Todesursache war ein Versagen der Herztätigkeit.

Herr Wilson war ein angesehenes Mitglied einer Familie, die seit langer Zeit in ehrenvoller Weise mit diesem Teil des Landes verbunden war. Er war der jüngere Sohn des verstorbenen Herrn John Wilson, Farmer in Brangan, Boyndie.

Sein ältester Bruder John war Pächter der Farm Tochieneal und Factor des Earl of Seafield.
Während John in Tochieneal war, war Alexander Pächter der benachbarten Farm Kilnhillock, auf der er zahlreiche Verbesserungen durchführen ließ. Zunächst errichtete er dort die gegenwärtige große und geräumige Hofanlage [steading], anschließend das stattliche Wohnhaus.

Nach dem Tod von Herrn John Wilson, der in seinem fünfzigsten Lebensjahr am 30. September 1852 dahingerafft wurde, wurde Alexander Wilson zum Factor ernannt. Die damit verbundenen Pflichten übte er bis zur Nachfolge des verstorbenen Earls aus.

Während seiner Zeit in Kilnhillock leitete Alexander Wilson die Brennerei, die, 1821 errichtet, in Tochieneal mit großem Erfolg betrieben wurde, bis 1871 der Pachtvertrag dieser Farm auslief.
Wilson zog daraufhin nach Inchgower in Rathven, wo er eine große Brennerei errichtete, in der ein umfangreiches Geschäft betrieben wird und wo er gemeinsam mit seinem Neffen James Wilson als Teilhaber verbunden war. Der verstorbene Herr war unverheiratet.

Bei der Beerdigung am Samstag war die Beteiligung groß. Die sterblichen Überreste wurden auf der Familiengrabstätte in Fordyce beigesetzt. 

Wir können noch anmerken, dass der Vater des am Mittwoch verstorbenen Herrn am 2. April 1856 im Alter von 86 Jahren starb; und dass sein Großvater, ebenfalls John genannt, der in Badenyouchers starb, aber ebenfalls Pächter von Brangan gewesen war, am 11. April 1820 im selben Alter wie sein Sohn – 86 Jahre – starb. Der von diesen drei Generationen umfasste Zeitraum beträgt 118 Jahre."

 
 
 
 
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